Eine wechselvolle Geschichte



Im 19. Jahrhundert war die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen für die meisten Menschen sehr teuer. Viele konnten sich “den Arzt“ überhaupt nicht leisten. Daraus ergab sich das Bedürfnis, naturnahe Behandlungsverfahren anzuwenden und diese Methode den Menschen allgemeinverständlich nahe zu bringen. Mehr und mehr setzte sich die Erkenntnis durch, dass vorbeugende gesundheitsfördernde Maßnahmen weniger krankheitsanfällig machen. Mit den Behandlungsmethoden der etablierten “geschäftigen“ Ärzteschaft war man unzufrieden, da sie mit Medikamenten nicht die Ursache, sondern nur die Symptome einer Krankheit behandelten. 

Das führte zu vielfältigen Aktivitäten zur Förderung der Naturheilkunde. So wurde auch in Wiesbaden, im Jahre 1878, unser Vorgänger, der "Zweigverein für volksverständliche Gesundheitspflege Wiesbaden", gegründet. 
Früh hat sich der neu gegründete Verein durch Aufklärung und praktische Aktivitäten, wie Abhärtungs-, Bewegungs- und Sportangebote der Gesundheitspflege und der naturgemäßen Lebens- und Heilweise verschrieben. 
Das galt ebenso für den
Kneipp-Verein, der viele Jahre später, im Jahre 1896, in Wiesbaden gegründet wurde - wie in diesen Jahren in vielen deutschen und europäischen Städten - ein Jahr vor dem Tod des Namensgebers Sebastian Kneipp. Er löste sich allerdings im Jahre 1936 wieder auf. Nach den Unterlagen des Kneipp-Bundes wurde bereits im Jahre 1894 in Wiesbaden ein Kneipp-Verein gegründet. Darüber gibt es aber keine anderweitigen Quellen und Nachweise.

Beide Vereine boten regelmäßig gut besuchte Vorträge zu Gesundheitsthemen an und gewannen dafür namhafte Redner aus ganz Deutschland.  Punktuell arbeiteten die beiden Vereine zusammen. Belegt ist, dass sie sowohl 1908 wie 1911 zusammen jeweils zu Protestversammlungen gegen das damals geplante Kurpfuscherei-Gesetz aufgerufen haben. 

Beide Vereine richteten für sich und die gesundheitsbewusste Bevölkerung Freizeitgelände für Bewegungen in Luft- und Sonne ein, der Kneipp-Verein eine Kneipp-Wiese zum "Barfußlaufen im nassen Grase" 1900 im Walkmühltal, der Verein für volksverständliche Gesundheitspflege 1905 ein Luft- und Sonnenbad auf dem Atzelberg. Auf Betreiben und mit finanzieller Unterstützung dieses Vereins entstand schließlich unter den Eichen das großzügig ausgelegte und ausgestattete "Luft- und Sonnenbad Volkspark", das am 03.07.1921 eingeweiht wurde und sich noch heute wachsender Beliebtheit erfreut, das "Lufti". Der Verein verwaltete die Anlage über dreißig Jahre lang, bis die Stadt Wiesbaden sie im Jahre 1954 übernahm. Heute wird sie von dem städtischen Eigenbetrieb Mattiaqua für "Quellen, Bäder und Freizeit" verwaltet. 

 

Innerhalb von nahezu 120 Jahren hat es mehrere Namensänderungen in der Vereinsbezeichnung gegeben, die erste war 1934 die Umbenennung in "Prießnitz-Verein für naturgemäße Lebens- und Heilweise e.V. Wiesbaden 1878". 1942 musste die Eigenständigkeit aufgegeben werden. Der Verein wurde in die nationalsozialistische Gesundheitsorganisation eingegliedert.

Nach dem 2. Weltkrieg keimte die Idee der vorbeugenden Gesundheitspflege wieder auf und der Verein wurde 1949 unter dem früheren Namen "Prießnitz-Kneipp-Verein" wieder neu ins Leben gerufen. 1977 schlossen sich der Verein und der im Jahre 1968 neu gegründete Kneipp-Verein zum Priessnitz-Kneipp-Verein Wiesbaden e.V.“ zusammen. Im Jahre 2010 wurde der Vereinsname abermals geändert. Er trug jetzt den Namen: 

"Kneipp-Verein für naturgemäße Lebens- und Heilweise Wiesbaden e.V.". Im Jahre 2020 schließlich erhielt er den jetzigen verkürzten Namen "Kneipp-Verein Wiesbaden e.V.".

Der Namensgeber des Vereins, Sebastian Kneipp (1821 – 1897) war ein bayrischer Priester und Hydrotherapeut. Nach erfolgreichen Eigenanwendungen entwickelte er im Laufe seines Lebens ein umfassendes Gesundheitsprogramm. Erst auf Drängen von Freunden (so in der Einleitung) fasste er in vorgerücktem Alter seine Erfahrungen in dem Werk „Die Wasserkur“ zusammen, das im Jahre 1886 erschien und bis 1982 eine Auflage von 675 Tausend erreicht hat (ohne fremdsprachige Ausgaben). 

Auch Vincenz Prießnitz (1799 – 1851) ist der Verein sehr verbunden. Prießnitz gilt als Schöpfer der Hydrotherapie. Er wirkte in Gräfenberg bei Freiwaldau in Schlesien. Prießnitz behandelte sowohl mit kalten als auch mit warmem Wassern. Noch heute schätzt man die wohltuende Wirkung von Schwitzpackungen und die so genannten Prießnitzwickel (Umschläge).